Von Classic OPC zu OPC UA: Die neue Sprache der Automatisierung

Einführung in OPC UA und die Entwicklung der industriellen Kommunikation.

OPC UA: Eine neue Ära der industriellen Kommunikation

Von Legacy-Systemen zur führenden Interoperabilitätslösung in der Automatisierung

Die industrielle Automatisierung durchläuft seit den 1990er Jahren einen tiefgreifenden Wandel. Produktionsanlagen setzen zunehmend auf PC-basierte Systeme – vor allem mit Windows – zur Steuerung, Visualisierung und Datenerfassung. Doch mit dieser Entwicklung entstanden neue Herausforderungen: Es fehlte eine universelle, herstellerunabhängige Kommunikationsschnittstelle.

In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf die Entstehung, Motivation und den Aufbau von OPC UA – der offenen, plattformunabhängigen Architektur, die heute die Grundlage für moderne industrielle Kommunikation bildet.


Herausforderungen in der industriellen Kommunikation

Mit dem Einzug von Windows-basierten Systemen auf dem Shopfloor entstanden heterogene Strukturen. Unterschiedliche Hersteller nutzten jeweils eigene Busprotokolle, Schnittstellen und Datenmodelle. Die Folge:

  • Hoher Aufwand für individuelle Treiberentwicklung
  • Inkompatibilität zwischen Systemen
  • Langwierige Integrations- und Wartungsprozesse

Ein vergleichbares Problem gab es einst im PC-Bereich bei Druckertreibern. Erst ein einheitlicher Systemstandard beseitigte diese Hürde. Die Industrie benötigte einen ähnlichen Durchbruch.


Classic OPC: Der erste Standardisierungsansatz

Ein Konsortium führender Automatisierungsunternehmen entwickelte Mitte der 1990er Jahre das erste OPC-Framework. Die OPC-Spezifikationen basierten auf Microsofts COM/DCOM-Technologie und definierten standardisierte Schnittstellen für Prozessdatenzugriff.

Die drei Hauptspezifikationen von Classic OPC:

  • OPC DA (Data Access): Zugriff auf aktuelle Prozesswerte
  • OPC A&E (Alarms & Events): Übertragung von Alarm- und Ereignismeldungen
  • OPC HDA (Historical Data Access): Zugriff auf archivierte Messwerte

Diese Standards führten zu einer enormen Verbreitung von OPC-fähigen Produkten in SCADA-, HMI- und Leitsystemen.

Vorteile:

  • Schnelle Akzeptanz durch Nutzung bestehender Windows-Technologien
  • Reduzierter Entwicklungsaufwand für Treiber
  • Große Interoperabilität innerhalb der Windows-Welt

Einschränkungen:

  • Plattformbindung an Microsoft Windows
  • Komplexität bei Remote-Verbindungen über DCOM (z. B. lange Timeouts, Firewall-Probleme)
  • Begrenzte Datenmodellierung ohne semantische Struktur

Die Notwendigkeit eines neuen Ansatzes

Mit zunehmender Digitalisierung stießen die klassischen OPC-Standards an ihre Grenzen:

  • Plattformunabhängige Kommunikation wurde notwendig (z. B. für Linux- oder Embedded-Systeme)
  • Sichere Kommunikation über Firewalls und das Internet wurde erwartet
  • Datenmodelle mussten komplexe Systeme, Strukturen und Beziehungen abbilden können

Die Lösung musste flexibel, skalierbar und sicher sein – ohne die Stärken des bestehenden OPC-Ökosystems aufzugeben. Daraus entstand OPC UA (Unified Architecture).


Was OPC UA auszeichnet

OPC UA wurde vollständig neu konzipiert, um die Herausforderungen moderner, vernetzter Automatisierungslösungen zu meistern – und dabei klassische OPC-Funktionalitäten weiterzuführen.

Zentrale Eigenschaften von OPC UA:

Kommunikation Datenmodellierung
Plattformunabhängigkeit Objektorientierter Modellierungsansatz
Unterstützt TCP und Web-Protokolle Erweiterbares Typensystem
Integrierte Sicherheit (Verschlüsselung, Authentifizierung) Unterstützung für Metadaten und Methoden
Skalierbarkeit vom Sensor bis zur Cloud Abbildung komplexer Beziehungen
Fehlertoleranz und Redundanz Semantische Adressräume

Diese Architektur vereint Datenübertragung mit semantischer Struktur – ein entscheidender Vorteil für moderne IIoT- und Industrie-4.0-Anwendungen.


Sicherheit und Flexibilität im Fokus

OPC UA berücksichtigt Sicherheitsanforderungen auf mehreren Ebenen:

  • Authentifizierung von Clients und Servern
  • Verschlüsselung der Kommunikation
  • Integritätsprüfung und Audit-Funktionalität

Für die Datenübertragung bietet OPC UA zwei standardisierte Transportwege:

  • Binäres UA-TCP-Protokoll für schnelle Intranet-Kommunikation
  • SOAP/HTTP Web Services für den firewallfreundlichen Einsatz über das Internet

Beide Varianten verwenden dasselbe Sicherheitsmodell.


Informationsmodellierung – mehr als nur Daten

Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal von OPC UA ist die Fähigkeit zur Modellierung von Informationen. Statt nur Werte zu übertragen, ermöglicht OPC UA die Beschreibung ganzer Systeme – strukturiert, erweiterbar und semantisch eindeutig.

Ein Sensor kann beispielsweise als Objekt dargestellt werden mit:

  • Aktuellem Messwert
  • Einheit und Skalierung
  • Betriebsstatus
  • Herstellinformationen
  • Historischen Daten
  • Wartungszyklen

Diese Tiefe ist besonders relevant für digitale Zwillinge, Asset-Management-Systeme und Engineering-Plattformen.


Migration: Evolution statt Revolution

Die OPC Foundation definierte bewusst eine mehrstufige Migrationsstrategie, um den Übergang von Classic OPC zu erleichtern:

  1. Wrapper und Proxies: Ermöglichen die Kommunikation zwischen Classic OPC und OPC UA ohne Änderungen an Bestandssoftware.
  2. Direkte UA-Integration: OPC UA wird direkt in bestehende Systeme integriert, ohne bestehende Schnittstellen zu verändern.
  3. Vollständige Neuentwicklung: Systeme werden vollständig auf OPC UA umgestellt und nutzen das volle Potenzial der Architektur.

Diese Strategie erlaubt eine schrittweise Umstellung – mit Investitionsschutz und Zukunftssicherheit.


Industrielle Verbreitung und Anwendung

OPC UA wird heute weltweit in zahlreichen Branchen eingesetzt:

  • Maschinen- und Anlagenbau
  • Prozessindustrie
  • Energie- und Gebäudetechnik
  • Pharma und Medizintechnik

Zudem wird OPC UA von internationalen Standardisierungsorganisationen wie IEC, ISA, FDI, FDT und PLCopen als Transportinfrastruktur genutzt. Es dient als universelle Schnittstelle für herstellerspezifische sowie domänenspezifische Datenmodelle.


Fazit: Die universelle Sprache für industrielle Daten

OPC UA bringt zwei Welten zusammen: Die bewährte Interoperabilität klassischer OPC-Spezifikationen und die moderne Flexibilität, Sicherheit und Skalierbarkeit, die für Industrie 4.0 und IIoT erforderlich ist.

Durch den Plattformansatz, die semantische Tiefe und die Unterstützung sicherer Kommunikation stellt OPC UA die zentrale Integrationsarchitektur für vernetzte Produktionssysteme dar – vom Sensor bis zur Cloud.


Ausblick

Im nächsten Beitrag widmen wir uns den Grundlagen der Informationsmodellierung mit OPC UA. Dabei beleuchten wir:

  • Aufbau und Struktur des Adressraums
  • Objekte, Variablen und Methoden
  • Beziehungen und Referenztypen
  • Modellierungsbeispiele und Best Practices

Ein tieferer Einblick in das Herzstück von OPC UA – die semantische Beschreibung industrieller Systeme.